Liebes Tagebuch,
heute möchte ich von einem Erlebnis berichten, das mich noch immer sehr beschäftigt. Am 22. Januar 2026 besuchten wir im Rahmen des WR-Unterrichts mit unserer Lehrerin Frau Castellanos-Ehrenberger das Amtsgericht in Sömmerda. Auch Herr Schmidt begleitete uns auf dieser Exkursion. Es war ein sehr kalter Wintertag, was die ohnehin schon ernste Stimmung im Gerichtsbau noch unterstrich.
Schon der Beginn war aufregend, da ich überhaupt nicht wusste, was mich erwarten würde. Nach einer strengen Polizeikontrolle, bei der wir unsere Wertgegenstände kurzzeitig abgeben mussten, durften wir in den Saal.
Dort waren neben der Richterin auch eine Staatsanwältin, eine Protokollantin sowie der Angeklagte mit seinem Verteidiger anwesend. Ehrlich gesagt wirkten die meisten Beteiligten auf mich nicht besonders sympathisch, was die Atmosphäre recht kühl machte.
Die Verhandlung drehte sich um Nötigung, Beleidigung und Drohung. Zu Beginn wurden die Personalien aufgenommen, doch das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Ein richtiger „Gag“ der Verhandlung war ein gewisser „Jeffrey“. Der Angeklagte erwähnte diesen Namen ständig, aber niemand im Raum wusste, wer das eigentlich sein sollte oder ob er vielleicht in Wirklichkeit Tilo heißt. Der Name „Jeffrey“ fiel so oft, dass wir uns alle das Lachen verkneifen mussten – sogar die Richterin konnte sich ein Schmunzeln kaum unterdrücken, während sie fragte, ob es diesen Jeffrey überhaupt wirklich gibt. Besonders skurril wurde es bei den Adressen: Gefühlt wohnten alle Beteiligten plötzlich „beim Nahkauf“. Niemand schien eine richtige Adresse zu haben, was die Befragung für die Richterin extrem anstrengend und fast schon chaotisch machte.
Der Angeklagte war geistig eingeschränkt und konnte sich nur schwer ausdrücken, was man während der gesamten Stunde merkte. Sein Verteidiger betonte dies immer wieder und argumentierte, dass manche Streitigkeiten in einer Beziehung „normal“ seien und kein Fall für eine Anklage wären. Ein emotionaler Moment war es, als sich der Angeklagte bei der Mutter des Opfers entschuldigte. Die Staatsanwältin hingegen blieb fast stumm und sagte auf jede Frage der Richterin nur: „Nein, keine Fragen.“ Am Ende durften wir selbst aktiv werden und löcherten die Richterin und die Staatsanwältin mit insgesamt 32 Fragen. Da die Zeugenaussagen so widersprüchlich waren und durch den mysteriösen Jeffrey/Tilo neue Unklarheiten entstanden, wurde die Verhandlung schließlich vertagt. Ein Urteil gab es noch nicht.
Obwohl der Besuch spannend war, fühlte ich mich oft unwohl. Die Situation war beängstigend und durch die seltsame Dynamik gleichzeitig total verwirrend. Ich bin Frau Castellanos-Ehrenberger sehr dankbar, dass sie uns diese Erfahrung ermöglicht hat und uns so sicher durch den Tag geführt hat. Sie ist eine tolle Lehrerin, die uns wirklich versteht. Dennoch steht für mich fest: In einem Gericht fühlt man sich einfach nicht wohl und ich möchte dort niemals selbst auf der Anklagebank sitzen.
Das war es für heute. Bis zum nächsten Mal!
Dein Jadon, 9d



